Auch Dinge sind Frauen

Sind Namen für Erfindungen im Allgemeinen meist männlich? Wie könnte man das überprüfen und warum sollte man das ändern?

Anhand der Titel von 40 Youtube-Videos der ProSieben-Sendung “Das Ding Des Jahres” habe ich eine Zählung durchgeführt.

Obwohl jedem Erfinderteam offen steht, ob sein erfundener Gegenstand ein Femininum, Maskulinum oder Neutrum bekommen soll, bekam die überwiegende Mehrheit einen männlichen Namen. Dies weißt auf das Potential einer allgemeinen Genus-Quote für Benennungen aller Art hin, um die Gleichbehandlung zu fördern.

Einleitung

Wie bin ich auf die Idee gekommen, Erfindungen zu zählen? Die Nachrichten sprachen davon, dass Frauen noch immer weniger Gehalt ausgezahlt wird als Männern. Vielleicht hängt das mit der Leistung zusammen, die während der Gehaltsgespräche mit Frauen assoziiert wird. Wer oder was erbringt denn Leistung?

Mit Maschinen assoziieren wir Leistung. Die Industrialisierung brachte Maschinen hervor, die den Menschen Arbeit abnahmen. Diese Leistung kann nicht mehr von Menschen geleistet werden. Das heißt, viele Maschinen leisten derzeit so viel wie all die Menschen vor ihnen geleistet haben, die wegen ihnen ihren Posten verlassen mussten – oder durften. Denn auch Haushaltsgeräte wie die Waschmaschine, der Staubsauger oder das Bügeleisen sind ebenfalls daran beteiligt. Die SI-Einheit für Leistung und Energie ist übrigens nach zwei männlichen Britten benannt: James Watt (1736 1819) bzw. James Prescott Joule (1818 – 1889). Haben Benennungen wie diese eine Rückwirkung auf unsere Assoziationen mit Leistung?

Der Konstruktivismus geht davon aus, dass Wissen und Assoziationen iterativ, ausgehend vom Fötus bis zum Tod, angereichert wird. Gelegenheit macht Erfahrung, gestärkte Erfahrung macht Wissen. Erfahrungen machen wir bewusst und ohne dass wir es merken. Vieles lernen wir mit Absicht. Wenn wir etwas lernen wollen oder müssen, dann prügeln wir uns Wissen hinein indem wir uns wiederholt in erfahrungsbringende Prüfungssituationen wie das Vokabellernen mit Karteikarten bringen.

Unbewusst sind viele Erfahrungen, die wir machen, weil wir ausweglosen Situationen ausgesetzt werden. Der (gesunde) Fötus im Bauch (einer gesunden Mutter) hat keine andere Wahl, als die Temperatur, den Herzschlag und die Stimme seiner Mutter kennen zu lernen. Gesichtsausdrücke interpretieren wir mittels Assoziationen, die wir gezwungenermaßen erfahren, sobald sich jemand mit uns unterhält. Doch die Bewusstheit ist nur eine Eigenschaft von Assoziationen.

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© Martin Perscheid

Assoziationen sind gerichtet. Wird man also bspw. dazu aufgefordert, ein nachdenkliches Gesicht zu beschreiben, gerät man ins Grübeln und sucht wage nach eindeutigen Beschreibungen. Es ist leichter ein nachdenkliches Gesicht zu erkennen, als es zu beschreiben. Darauf, dass Stirnfalten für Nachdenklichkeit typisch sind, kommt man allenfalls leichter, wenn man schon mal von nachdenklichen Menschen in Romanen gelesen hat; einem also diese Assoziation schon mal fertig aufgetischt wurde. Doch der Zustand des Grübelns ist der Selbe, wie wenn jemand einen Namen für sein Kind sucht, oder einen Produkttitel für seine Erfindung. Was passiert bei diesem Grübeln?

Wer sein Kind benennt, sucht nach positiven Assoziationen, denn negative würden dazu führen, dass das Kind künftig in der Schule gehänselt wird, oder dass Eltern befürchten, ihr Kind schlecht zu behandeln. Namen haben oft eine assoziierte Bedeutung oder es gibt Menschen in der Vergangenheit der Eltern, eine bestimmte Rolle spielten. Oft kommt es zu Entscheidungen aus dem Bauch heraus (unbewusste Assoziationen). Das dafür benötigte Geschlecht wird bei einem Neugeborenen von einem Arzt festgestellt. Bei Erfindungen stellt selbst das Geschlecht eine Herausforderung unbewusster Assoziationen dar.

Die Computer-isierung und Automat-isierung nehmen derzeit zu. Ein Computer stattet den Menschen mit einer spürbaren Macht aus, Zahlen zu beherrschen, Informationen zu verarbeiten, Arbeitsmaschinen zu kontrollieren. Gute Arbeit! (Die künstliche Intelligenz ist allerdings in der Lage Gesichtserkennung zu betreiben und damit Datenschutz zu brechen. Schlechte Leistung!) Folgende Sätze könnten sowohl einen Computerchip, als auch einen menschlichen OP-Arzt betreffen:

Der ist aber schnell! Der kann ja viele Operationen!”

Werden Subjektive (wie üblich aus Sparsamkeit) weggelassen, so dass nur die Artikel übrig bleiben, so wird gänzlich unklar, ob das Subjekt eine Person oder ein Ding ist. Unterscheidet eine Sprache syntaktisch kaum zwischen Menschen und Dingen, können also Objekte personalisiert und umgekehrt Menschen objektiviert werden. Dinge werden personifiziert, sei es zum Ausdruck der Dankbarkeit oder des Verteufelns. Hingegen werden Menschen objektiviert, wenn sie funktionieren sollen oder für sie Verwendungen gesucht werden. Das Geschlecht spielt also bei Dingen sprachlich die selbe Rolle wie bei Menschen, jedoch wird eine Frauenquote nur für erwachsene Menschen “in Führungsetagen” diskutiert. Man könnte zusätzlich eine Quote anstreben, nach der neu entstehende Begriffe den aktuell selteneren Genus² bekommen sollen.

Wieso kommt Herr Kabakyer ausgerechnet auf “der Gerät” für seine innovative Erfindung?

In der deutschen Sprache befinden sich mehr weibliche Genera als männliche.² Jedoch wurden weder die Benutzungshäufigkeit, noch ihre Konnotationen vom Duden statistisch ausgewertet. Substantivierungen (-ung, -keit) verlangen Feminina, sind umständlicher und somit nicht griffig genug für Produkte. Sie kommen jedoch häufig im Duden vor.

© Duden.de

Wann entstehen denn neue Begriffe?

  • in Fachgebieten, die den Meisten verborgen bleiben: Programmieren, Biologie, …
  • bei neuen geistigen Schöpfungen: Romanfiguren, Götter, …
  • bei sämtlichen Benennungen: Marken, Produkte, Projekte^ und Erfindungen

Methode

Aktuell gibt es eine zum Thema Erfindungen eine passende, neue Sendung: “Das Ding des Jahres” auf Prosieben*, von der auf YouTube einige Videos herum liegen. Ich habe kurzerhand alle Descriptions der fast 40 DDDJ-Videos mit jeweils einer Erfindung durchgezählt. Dabei habe ich drei Aspekte gesammelt:

  • das Geschlecht der Teilnehmenden des jeweiligen Erfinderteams
  • das Geschlecht der Erfindung, wenn sie dem Publikum erklärt wird (Bezeichnung)
  • das Geschlecht der Benennung

Ergebnis

Folgendes Diagramm zeigt die Ergebnisse:

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Geschlechterverteilung bei Das Ding Des Jahres (Pro7) (Stand 2017-03-06): Teilnehmeranzahl, Geschlechterverteilung der ErfinderInnen, Genus der Beschreibungen von den Erfindungen und Genus der Benennung der Erfindungen durch die ErfinderInnen (v.l.n.r.)

Es gibt wesentlich mehr männliche als weibliche Erfinder/-innen unter den Teilnehmern (27 Männer, 6 Frauen, 2 Männerpärchen, 1 Männerträrchen, 4 gemischte Pärchen). 22 der Erfindungen bekamen von ihren Erfindern einen maskulinen Genus, 9 einen femininen, 6 einen neutralen. 3 mal war der Genus unklar. In den der Videobeschreibung wurden die Erfindungen mit knappen, allgemein verständlichen Erklärungen versehen. Diese Kurzbeschreibungen hatten in 13 Fällen einen anderen Genus als der Name den Erfinder ihren Schöpfungen gaben: 6 mal wählten die Erfinder abweichend ein Maskulinum, 1 mal ein Femininum sowie 3 mal ein Neutrum. In 4 Fällen wurde aus dem femininen Begriff ein maskuliner, in umgekehrte Richtung aus einem Femininum nur 1 mal ein Maskulinum.³

Diskussion

Obwohl 14 Gegenstände mit femininen Substantiven beschrieben wurden, bekamen nur 9 einen femininen Namen. Bis auf eine Ausnahme stammen alle femininen Benennungen von femininen Beschreibungen.

Offenbar sind Frauen wie Männer gleichermaßen daran beteiligt, den Gegenständen eher männliche Namen zu geben. Es liegt nahe, dass überwiegend Maskulina in den Umlauf kommen, weil Männlichkeit stärker mit Leistung assoziiert wird, als Weiblichkeit.

Die sehr häufige, feminine Endung -ung substantiviert Verben (=Tätigkeitswort, Arbeit). Deshalb treten auch bei den Beschreibungen der Erfindungen in DDDJ so häufig Feminina auf. Aufgrund der zusätzlichen Silbe setzen sich Substantivierungen jedoch nicht als griffige Namen durch.

Ausblick

Meine Zählung zeigt, dass zu wenige Erfindungen ein Femininum erhalten, um Assozitiationen von Frauen zu Leistung zu transportieren. Ein Fakt, den ich als einen Grund für die Diskriminierung von Frauen bei Lohnverhandlungen hergeleitet habe. Um die Ziele der Gleichberechtigung durchzusetzen, sollten mehr (taugliche) Erfindungen feminine Genera² bekommen. Eine Genus-Quote wäre denkbar, denn wenn neue Begriffe nicht-verletzbarer Individuen zugeordnet werden können, so könnte man so ausgleichende Assoziationen aufbauen. ■

Fußnoten

²) Genus ist laut Duden das grammatische Geschlecht. Die Mehrzahl (Plural) davon ist Genera. Es ist mit dem englischen Genre verwandt. Siehe auch die Statistik des Duden.
*) Ich finde, ProSieben ist seit ich meine Teenagerintelligenz überwunden habe, einer der unerträglichsten Fernsehsender.
^) Bauprojekte scheinen vorbildlich zu sein: Der Berliner Flughafen, bzw. der BER. Die Staatsoper Hamburg. — Stuttgart 21 ohne Genus.
³) Vollständige Tabelle: Erfindungsgenus – counts 1.0, Erfindungsgenus – counts 1.1

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Edit: (nochmal) freundlicher geschrieben, ohne Klischees zu wiederholen; Senkey-Diagramm (via http://sankeymatic.com/build/), Navigierbare Fußnoten

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