Re: Warum gibt es Verschwörungstheorien?

Re: Warum gibt es Verschwörungstheorien?

Antwort an Klaus Kusanowsky, Trialog Marburg (Online). Als unerfahrener Thesenkritiker bitte ich, die Form zu entschuldigen!

Klaus Kusanowsky (KK) argumentierte in seinem Vortrag und mit seinem Thesenpapier für eine These, warum es Verschwörungstheorien gibt. Die These lautet:

Verschwörungstheorien gibt es, weil es einen gesellschaftlichen Verlust von Überzeugungsfähigkeit gibt. Das macht es erforderlich, Methoden der nicht-überzeugten Verständigung zu erproben.

KK – Warum gibt es Verschwörungstheorien?, S. 1

Die These besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist eine Feststellung, der zweite bereits eine Schlussfolgerung aus dem ersten Teil. Desweiteren könnte wichtig sein, dass KK von einer These spricht, statt von Hypo- oder Hyperthese.

Teil 1

Im ersten Teil wird festgehalten, dass es einen “gesellschaftlichen Verlust von Überzeugungsfähigkeit” gäbe, der Voraussetzung für Verschwörungstheorien sei. Unter gesellschaftlichen Verlust von Fähigkeiten ist eine verlorengegangene Funktion der Gesellschaft zu verstehen. Speziell geht es um die Funktion der Überzeugung. Überzeugungen nennt KK auch Hyperthesen:

Hyperthesen sind Überzeugungen, sind überinformiertes Wissen, das auch auf keiner ausreichenden Informationssituation beruht, aber nicht umgeändert werden kann, weil Unbezweifelbarkeiten kommuniziert werden, die keinen selbstverständlichen Grund haben. Deshalb Nietzsche: Nicht Lügen stehen der Wahrheit entgegen, sondern Überzeugung. Lügen kann man aufdecken, Überzeugungen nicht.

KK – Warum gibt es Verschwörungstheorien?, S. 1

Übersetzung

Aufteilung ergänzender Nebensätze:

  • (A) Hyperthesen sind Überzeugungen.
  • (B) Hyperthesen sind überinformiertes Wissen (B2), das auch auf keiner ausreichenden Informationssituation (B1) beruht, aber nicht umgeändert (B3) werden kann, weil Unbezweifelbarkeiten kommuniziert werden (B4), die keinen selbstverständlichen Grund haben. [(B5)]

(A) trivialer Alias. Trennung von (B):

  • (B1) Wissen beruht auf ausreichenden oder nichtausreichenden “Informationssituationen” (d.h. Menge von Fakten, die leer sein kann)
  • (B2) Stützt W eine Faktenmenge, die größer als die Kapazität der Interpretations- und Inferenzprozesse ist, dann heißt W überinformiert.
  • (B3) Stützt W eine Faktenmenge F, die leer oder inkonsistent ist (d.h. es gibt keine Interpretation, die, auf alle Fakten in F angewandt, auf Tautologie schließen lässt), dann ist W beliebig. (Vgl. Heinz von Foerster)
  • (B4) Fakten (= Unzweifelbarkeiten) werden kommuniziert.
  • (B5) Überzeugungen kommunizieren Wissen, dessen Faktenmenge leer oder inkonsistent ist.

Schließlich zitiert KK Nietsche mit der Unterscheidung anhand der Aufdeckbarkeit: “Lügen kann man aufdecken, Überzeugungen nicht.” (B6)

Analyse

Zusammenfassung: (B1), (B4) trivial. Unter der Annahme, Theoretiker seien nicht dumm, aber menschlich (d.h. die Kapazität des Interpretations- und Inferenzprozesses sei nichtleer, aber endlich), folgt aus (B2) und (B3), dass die Faktenmenge einer Überzeugung nicht leer (C0) und entweder inkonsistent (C1), oder zu groß ist (C2) oder beides (C1&C2). Aus (C0), (C1, C2 oder C1&C2), (B3), (B4) und (B5) folgt schließlich der zusammenfassende Satz: Überzeugungen sind kommuniziertes, von nichtleeren und möglicherweise inkonsistenten Faktenmengen gestütztes, und darum möglicherweise beliebiges Wissen. (C3)

Widerspruch von (B6) unter umgangssprachlicher Interpretation: (B6) lässt sich mithilfe der üblichen Definition von Lüge so interpretieren: Während falsche Thesen (Lügen) auf Auslassung aufdeckbarer Fakten (unwahre Hypo-Thesen) oder Hinzufügung unaufdeckbarer Fakten (unwahre Hyper-Thesen) beruhen, tun dies Überzeugungen (=Hyperthesen) (A) nicht. Da falsche Hyperthesen aber ebenfalls Hyperthesen sind, ist B6 in sich widersprüchlich.

Alternative Interpretation von (B6): Bei Nietzsches “Lüge” handelt es sich um Wissen, das auf Auslassung aufdeckbarer Fakten beruht (= unwahre Hypothese) und bei “Überzeugung” handelt es sich um Wissen, das auf Hinzufügung unaufdeckbarer Fakten beruht (= Hyperthese.) Siehe Tabelle 1.

Aufdeckbare FaktenUnaufdeckbare FaktenBezeichnung
keinekeinewahre These
keineteilsGlaube
teilskeineHypothese
teilsteilsHyperthese
Tab. 1: Die Spalten zur tatsächlichen Aufgedecktheit von Fakten wurde der Übersicht wegen ausgelassen.

Über Nietzsche weiß ich allerdings leider zu wenig und muss darum davon ausgehen, dass diese Interpretation KK genügt.

Unter welchen Bedingungen sind Fakten aufdeckbar?

  1. Die Kapazität des Interpretations- und Inferenzprozesses (I-/IP) genügt der aufzudeckenden Faktenmenge (vgl. (B3).)
  2. Die Aufdeckbarkeit der aufzudeckenden Faktenmenge ist noch zu entdecken. (Re-Entry in die Wissenschaft)
  3. Die Aufdeckbarkeit der aufzudeckenden Faktenmenge ist klar unaufdeckbar. (Bsp.: Verwischte Spuren, Geheimhaltung)

Teil 2

KK behauptet nun im Thesenpapier, dass gegen Hyperthesen nichts unternommen werden könne (B7):

Gegen Hyperthesen kann man nichts machen: hyperthetisches Wissen wird zur Lernbehinderung, Gegenlicht-Methapher: im Gegenlicht sieht man nichts.

KK – Warum gibt es Verschwörungstheorien?, S. 1

Die These des Thesenpapiers selbst beinhaltet die Aussage, dass Gesellschaft ihre Überzeugungfähigkeit bereits reduziert. Hier wird also untersucht, warum das so ist.

Widerspruch von (B6) gegen (B7): (Wird im Vortrag diskutiert.) Man kann nichts gegen Hyperthesen unternehmen, es sei denn:

  1. Man erhöht die Kapazität des I-/IP bspw. mittels Argenturen, Crowdsourcing oder Computerunterstützung. (Fact checking, NGOs)
  2. Man entdeckt passende (natur-)wissenschaftliche Methodiken. (Wissenschaftswissenschaften)

Im Falle von echt unaufdeckbaren Fakten (Geheimhaltung? Verwischte Spuren?), hilft tatsächlich nichts. Bei der Arbeit mit dieser Unvollkommenheit kommt es zur Explosion von Eventualitäten, wodurch die Kapazität des I-/IP schnell erreicht wird. (Gesteigerte Vielfalt unvollständiger Überzeugungen, Gegenlicht-Methapher)

Um Hyperthesen zu reduzieren spricht KK zunächst von der üblichen Gewinnung von Überzeugung, die zur gesteigerte Überzeugungsvielfalt (GÜV) beiträgt:

Durch Methoden, prototypisch: Mechanik, das sog. naturwissenschaftliche Experiment […] durch Kommunikation, die sich im Laufe ihrer Sozialgeschichte eine eigene symbolische Ordnung aufbaut.

KK – Warum gibt es Verschwörungstheorien?, S. 1-2

Ich kann jedoch nicht nachvollziehen, weshalb gerade die naturwissenschaftliche Methode zur GÜV beiträgt. Gegen die GÜV soll hingegen helfen:

  • (B8) Paradigmenwechsel durch Zugeständnisse fördern, wie “Menschen stammen von Tieren ab”
  • (B9) Unsichtbares Theater nach Augusto Boal betreiben
  • (B10) Ausschließungsmilieus fördern
  • (B11) Verzichten auf Grundsätze (leere Faktenmenge)

Bei (B8) handelt es sich um Aufdeckung aufdeckbarer Fakten (Punkt 2 unter Widerspruch gegen von (B6) gegen (B7), man entdeckt passende (natur-)wissenschaftliche Methodiken. Oder?) Unter (B9) ist zu verstehen, dass absichtsvoll eine Scheinrealität hergestellt werden soll, welche die Beobachter zu einer Überzeugung verhelfen soll. Bei Scheinrealitäten handelt es sich jedoch um Lügen, umgangssprachliche Hyperthesen bzw. die unwahre Hypothesen (Nietzsche?) befördern. (B10) würde die Kapazität des I-/IP erhöhen (vgl. #ichbinhier, #fff, etc.). Da es sich aber um eine Explosion (Albert Balrett) handelt, wird auch diese schnell ausgereizt sein. (B11) ist der Trivialfall und würde einen Leerlauf im I-/IP herbeiführen. (Virtuelle Realität?)

Fazit

Ich habe das Thesenpapier zusammen mit dem dazugehörigen Vortrag unter die Lupe genommen und in ihre Teilaussagen (Fakten) zerlegt um wiederum sie auf Aussagen über Fakten zu untersuchen. Die Unterscheidung Hypo-/Hyperthese erwies sich nur bedingt zur Beobachtung von Verschwörungstheorien und deren Voraussetzungen als geeignet, da sich herausstellte, dass die These im Thesenpapier selbst als Hyperthese interpretierbar ist.

Dabei bleibt immer noch die Frage zu beantworten, weshalb die Überzeugungsfähigkeit der Gesellschaft bereits nachlässt. Eventuell müssen lediglich bereits eingerichtete Mechanismen repariert werden, statt auf Neuentdeckungen warten zu müssen.

Außerdem ist mir noch unklar, weshalb gerade die reproduktive naturwissenschaftliche Methode ungeeignet sein soll, wenn sie es doch erlaubt, dass Flatearthler sich selbst medienwirksam widerlegen. Erzeugt sie wirklich mehr Unklarheit als sie durch Reproduzierbarkeit klarstellt? In allen Bereichen?

Im Forschungsfeld der Verschwörungstheorien wird bereits viel unter der Annahme geforscht, dass das Vertrauen abnimmt und so durch Überzeugungsunfähigkeit Verschwörungstheorien befördert. Hierauf bezog sich das Thesenpapier leider auch nicht. (Hypo-These?)

Ich hätte gern, dass der Trialog mit KK nochmal darüber diskutiert.

97% consensus

Cook et al. machten in Quantifying the consensus on anthropogenic global warming in the scientific literature einige Fehler, welche Klimakampagnen-Skeptiker verwenden um ihre Ansicht zu legitimieren. Hinzuzählen lässt sich auch die Nichtbeachtung der n:m-Beziehung zwischen Veröffentlichung und Autor: Ein Artikel kann mehrere Autoren haben und ein Autor kann mehrere Artikel verfasst haben. Im Bild oben ist meine eigene Auswertung dazu zu sehen. Der Endorsement-Average wurde gerundet. Die Autoren wurden denselben Kategorien wie im Original zugeordnet.

Tools im Einsatz: Curl, GNU Linux (GAWK, GNU Tr, GNU Sort), LibreOffice

The shop owner (top left) hooks on customers by replacing no-parking signs with parking signs. He also sells fishing utilities.

Fineliner on blank postcard. Inktober 2019.

Heinz von Foerster – Eine Theorie von Lernen und Wissen

Eine Transkription einer 44 minütigen Rede. “[???]” markiert Unverständlichkeiten. Es geht los:

Ja, meine Damen und Herren, nach dieser Einleitung werde ich es sehr schwer haben, mich bemerkbar machen zu können!

Ich bin so froh, wieder in Heidelberg sein zu können. Äh, das letzte mal, wie ich hier war, war es eine eher traurige Gelegenheit. Es war eine große Konferenz, ein großer Kongress, der war dem Abschied der großen Idee – der großen Entwicklung – gewidmet und alle, die wir hier waren, haben – äh – natürlich alle die entsprechende Leichenrede gesprochen. Diesmal jedoch, handele es sich jedoch darum, die Schule neu zu erfinden und wir alle sind hier her gekommen, um die Taufrede der neugeborenen Entwicklung in der Schule zu begrüßen. Und ich bin froh, einer dieser Taufredner sein zu können!

Eine der wesentlichen Ideen, die verbunden sind, mit der Idee, die Schule zu verlassen und durch das Tor der neuen zu treten. Der Titel, der eben gesagt worden ist, den habe ich eigenlich gewählt für eine Publikation, die ich gedacht hatte, sie heute erscheinen lassen zu können, aber sie ist nicht gekommen. Daher habe ich adoptiert diesen köstlichen Titel, den diese Organisation der Konferenz gegeben hat, nämlich “die Schule neu zu erfinden”. Um eine Kurzfassung dieses Titels zu geben, habe ich eine geschrieben, die wird aber nicht heute erscheinen, sondern erst mit meinem Buch; und da ist mein Programm folgendermaßen:

Vom Lehrer wird erwartet, dass er weiß, was er weiß, sonst könnte er nicht lehren. – Vom Forscher wird erwartet, dass er weiß, was er nicht weiß, sonst könnte er nicht nach Antworten suchen.

Im folgenden Vortrag werde ich versuchen, möchte ich vorschlagen, den Lehrer zum Forscher werden zu lassen, der zusammen mit seinen Schülern versucht, die Schule – ja, das Wissen – neu zu erfinden. Das ist mein Programm für den heutigen Morgen. Und diesen Vorgang, dieses Programm, möchte ich gerne in zwei Kapiteln erledigen, jedes davon etwa 20 Minuten, also insgesamt 40 Minuten. Das erste Kapitel wird theoretisch sein, und zwar eine Theorie des Wissbaren gegenüber des prinzipiell Unwissbaren – und die Konsequenzen einer solchen Theorie. Das zweite Kapitel, die anderen 22 Minuten, ist aus der Praxis. Und zwar möchte ich über ein Experiment berichten. Über ein Experiment, das so aufgebaut ist, dass man gegenüber dem Unwissbaren eine gewisse Wissbarkeit entwickeln kann und die Konsequenzen – ja, Resultate – dieses Experiments. Also auch zu versuchen, dieses in zwanzig Minuten zu erledigen.

Theoretischer Teil

Das erste Kapitel ist, wie schon gesagt, ist über prinzipiell unwissbares zu sprechen. Und Unwissbares hat zwei Komponenten:

Die eine Komponente ist, wenn ein System nicht analysierbar ist. Wir können mit der Sache arbeiten. Aber immer wissen wir nicht, immer wissen wir nicht, immer wissen wir nicht,… wie es eigentlich funktioniert – also, dass es prinzipiell unanalysierbar ist. Das zweite Abteilung von prinzipiell Unwissbarem ist “unentscheidbar”. (Es sind ein paar Worte über das Unentscheidbare.) Und wenn wir diesen Block der vollkommen Ignoranz (von uns) verstanden haben, kann ich aus dieser Nullstellung versuchen, zu entwickeln, was können können wir aus dieser Stellung der Ingoranz machen.

Meine Stellung der Ingoranz gegenüber ist, wenn ich in eine Klasse komme mit jungen Menschen und ich sage “Passt mal auf, ich weiß nicht, wie ein Elektromotor funktioniert. Können wir alle zusammen versuchen, herauszufinden, wie der geht?” Dann werden Sie sehen, werden die Kinder mit größter Begeisterung mir helfen, herauszufinden, wie dieser Motor geht. Wenn ich aber sage “Ich weiß, wie der Motor geht und ihr wisst es nicht!”, wäre der Satz zu blöd. “Ihr müsst das jetzt lernen!” Na sonst gehen die Kinder nach Hause und spielen Fußball!

Also, Ignoranz hat eine Stärke. Also ich will sagen, wer arbeiten will, wird zugeben, dass wir nicht wissen. [???] Arbeiten wir aus Stärke heraus! Und das was ich Ihnen erleichtern möchte ist, das Zugeben der Ignoranz. Ich werde Ihnen helfen, zu sehen, dass Sie wirklich fundamental Ignorant sind. Wir brauchen es noch nicht einmal zuzugeben, wir brauchen es nur zu sehen!

Okay, also. Die zwei Abteilungen des Unwissbaren: Nicht analysierbar, nicht entscheidbar mit wenigen Worten andeuten. Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, warten Sie bis die Publikationen herauskommen! Wenn die mehreren Papiere, die bei der Konferenz präsentiert wurden, gedruckt wurden, können Sie Zeile für Zeile die Entwicklung des Arguments verfolgen. Ich kann Ihnen heute nur einen kurzen Überblick geben. Also.

Unanalysierbar

Es ist sooo simpel, wenn man es verstanden hat. Es ist wirklich komplett. Es gibt zwei Arten von Systemen in dieser Gruppe: Das eine nennt man triviale Systeme, das andere sind die sogenannten nichttrivialen Systeme.

Ein triviales System ist Ihr Automobil. Triviale Systeme haben die charmante Eigenschaft, dass wenn man immer die gleiche Eingabe gibt, kommt immer die selbe Antwort heraus. Also gleiche Eingaben bekommen immer die gleichen Ausgaben. Im Auto sind Sie drin. Drehen Sie das Steuerrad nach links: Auto fährt nach links. Drehen Sie das Steuerrad nach rechts: Auto fährt nach rechts.

Wenn Sie ein Auto kaufen, verlangen Sie von dem Verkäufer, dass er eine Trivialisationsgarantie gibt, dass in den nächsten 10 Jahren wirklich auch das Auto nach links fährt, wenn Sie das Steuerrad nach links drehen. Dann steigen Sie ins Auto ein, fahren gerade aus, drehen das Steuerrad nach links und es fährt nach rechts! Dann holen Sie einen Trivialisateur mit einer Zange und das Auto fährt wieder nach links und nach rechts.

Wir lieben diese trivialen Maschinen! Es geht ja sogar so weit, dass wir unsere Kinder, die ja sicher keine trivialen Maschinen sind, [fragen]: “Wieviel ist 2 mal 2?” [Sagen sie]: “Grün!” Dann stecken wir sie in staatliche Trivialisationsanstalten, sodass sie nur “Vier!” sagen.

Jetzt zu den von mir so gern gehabten nichttrivialen Maschinen. Die haben die Eigenschaft, dass sie zwar völlig determiniert sind, also in sich alles … nach Regeln [abläuft]. Aber wenn wir diese Regeln nicht kennen, lässt sich zeigen, dass diese Regeln prinzipiell nicht herausfindbar sind! Also ein solches System ändert seine Regeln zum Beispiel – ach, Sie können sich selber Beispiele geben! Sicher hat jeder von Ihnen einen kleinen Taschenrechner. Der hat eine Wurzeltaste. Sie geben 100 ein, drücken die Wurzeltaste, kommt 10 heraus, geben 100 ein, drücken die Wurzeltaste, kommt wieder 10 heraus, et cetera, et cetera. Aber der Rechner kann so programmiert sein – um Sie zu ärgern, ja – dass wenn Sie einmal die Wurzel gemacht haben, tut er das nächste mal quadrieren! Wenn er das nächste mal quadriert hat, wird er das und das tun, … Und wenn Sie nicht wissen, wie das geht, kann ich Ihnen sagen, Sie bis zum Ende des Universums – wenn es je vorkommen sollte – Sie immer noch nicht wissen, wie dieser Wurzelrechner geht. Dann gehen Sie zum Verkäufer des Taschenrechners und sagen “Können Sie mir bitte diese Maschine trivialisieren?”

Wichtig ist, hier zu bestreben, dass solche Systeme, die mehrere innere Zustände haben, die wechseln können, prinzipiell analytisch nicht zugänglich sind! Nummer 1.

Unentscheidbar

Nummer2! Jetzt gibt es Systeme, die unentscheidbar sind. Das “Entscheidbar”, das Entscheidungsproblem, hat klassische Wurzeln. Schon die Griechen haben sich mit gewissen Problemen beschäftigt, wo sie sich gefragt haben, “Können diese Fragen, die wir hier stellen, entschieden werden oder nicht?” Das große klassische Beispiel, das immer angeführt wird, ist die Quadratur des Kreises.

Es ist nicht nur eine Metapher, sondern, man meint damit einen gegebenen Kreis, “Kann man mit einem Zirkel und einem Lineal ein flächengleiches Quadrat konstruieren?” Die griechischen Mathematiker haben sich hingesetzt, die mittelalterlichen kamen an mit Mathematikern, die Renaissance-Mathematiker haben sich hingesetzt, die heutigen Mathematiker haben sich hingesetzt: Sie sind nie auf eine Lösung gekommen. Ist das vielleicht ein prinzipiell unlösbares Problem?

Carl-Friedrich Gauß hat gezeigt, dass das in der Tat ein prinzipiell unlösbares Problem ist. Man kann nicht mit einem Zirkel und einem Lineal ein Quadrat aus einem gegebenen Kreis konstruieren. Nachdem dieser Beweis von Gauß so um die Wende des 18. Jh. geliefert worden ist, haben trotzdem viele Amateurmathematiker – oder auch berufliche – Lösungen des Problems eingeschickt. Eine Lösung nach der anderen. Die Leute, die professionellen Mathematiker, die mussten studieren, sind die Schritte alle korrekt? Bis sie endlich gefunden haben: Das ist der Schritt, der falsch ist. – Vielleicht nicht leicht vorzustellen. Darf ich Ihnen ein Parallelproblem vorschlagen?

Das Problem ist das folgende: Gegeben ist die Nummer 13. Ich gebe Ihnen nun die Erlaubnis, alle geraden Zahlen, die Sie sich ausdenken können – sie können 10 Billionen stellen haben, 5 stellen, 2000 Stellen – Sie nehmen diese geraden Zahlen und dürfen Sie beliebig addieren, subtrahieren, addieren, subtrahieren,… bis Sie endlich 13 gefunden haben als Resultat. Ich höre aus Ihrem freundlichen Lachen, dass Sie sehen, dieses Problem ist nicht schwierig. Es ist einfach nicht zu lösen! Weil mit Addition und Subtraktion von geraden Zahlen können Sie nur auf gerade Zahlen kommen und die Zahl 13 ist da leider nicht dabei!

Jetzt denken Sie an das folgende: Es gibt Leute, die schicken immer wieder ein, das: “Ich habe das 13er Problem gelöst. Sie müssen jetzt nur brav durch meine Schritte gehen.” Und da kriegen Sie Zahlen mit 22 Millionen Stellen, die werden addiert und subtrahiert und addiert … Zum Schluss kommt 13 heraus. Was machen Sie da? Schicken Sie ihm das Papier zurück mit einem Stempel “Lern’ doch endlich Arithmetik!?” Oder gehen Sie Schritt für Schritt und Schritt und Schritt,.. durch das Ganze durch bis “6 weniger 4 ist 2”, nicht 3. Also wenn Sie das erwischen, dann haben Sie das Argument ihres Partners – äh – zerstört. Was macht man mit diesen Menschen, die das immer noch tun?

Ich sage das deswegen, weil, wenn auch es völlig klar ist, dass gewisse Systeme nicht analysierbar sind, gibt es immer noch Leute, die Ihnen sagen: “Ich werde Ihnen das analysieren!” Was macht man mit denen? Versucht man sie zu überreden? Schickt man sie zu einem Kurs für nichtanalysierbare Systeme? Ich überlasse das Ihnen! Es ist ein interessantes strukturologisches [???] Problem. Okay. Jetzt gibt es aber unter den Entscheidungsfragen solche, die prinzipiell unentscheidbar sind und ich gebe Ihnen ein Beispiel: “Wie ist das Universum entstanden?”

Kein Mensch weiß das! Absolut unmöglich. Aber was wissen Sie? Es gibt so viele Antworten, nicht? Wenn Sie zu einem Physiker gehen, sagt er: “Jeder Mensch weiß doch, der Physik studiert hat, Bigbang, 10 Millionen Jahre und Bang! das Universum war da!” Gehen Sie zu einem religiösen Menschen, sagt er: “Jeder Mensch weiß doch, der in die Schule gegangen ist, es hat 6 Tage gebraucht und der Schöpfer am siebenten Tag war so müde, dass er sich ausruhen musste.” Et cetera, et cetera. Oder wenn Sie zu Indern kommen: “Jedes Kind weiß doch, da ist eine Schildkröte und da sitzt eine zweite Schildkröte drüber und die trägt die vierte, fünfte, sechste.. und oben auf der letzten Schildkröte da sitzen wir.” – Also wo bringt mich das jetzt hin?

Mein Vorschlag ist: Fragen Sie ihre Freunde prinzipiell unentscheidbare Fragen, dann werden Sie nichts über eine Antwort auf die Frage erfahren. Sie werden etwas über den Antworter erfahren! Wenn Sie jemanden fragen: “Sag Mensch, wie ist das Universum entstanden?” Sagt er “Big Bang!”, dann ist doch ganz klar: “Aha, danke, du bist ein Physiker!” – Oder so: “Schildkröten” – “Ahh, du bist also Inder!”

Et cetera, et cetera. Ich könnte sehr schnell herausfinden, wie wer ist – wer wer ist, wenn der eine prinzipiell unentscheidbare Frage beantwortet. Denn nur die prinzipiell unentscheidbaren Fragen können wir entscheiden! Wieso? Weil prinzipiell unentscheidbare Fragen haben keine Logik, keinen Zwang, der mich zwingt, mich so oder so zu entscheiden. Nur entscheidbare Fragen haben diese Eigenschaft. Aber nicht prinzipiell unentscheidbare Fragen. Da haben Sie die Freiheit, zu entscheiden wie Sie wollen! Aber mit dieser Freiheit kommt eine Verantwortung hinein, das heißt, Sie müssen für Ihre Entscheidung Verantwortung übernehmen!

Ende der theoretischen Ausführung. Ich komme jetzt zur Praxis, zu dem praktischen Problem.

Praktischer Teil

Was bedeuten diese Beobachtungen, die ich gerade berichtet habe, nämlich Unanalysierbarkeit, Unentscheidbarkeit. Was bedeuten die, wenn wir jetzt die Schule neu erfinden? Wie beeinflusst mich das bei ‘nem Lehrplan – ich würde das einen Lernplan nennen – wie beeinflussen mich diese Überlegunen in der Konstruktion einer neuen Schule?

Ich komme also jetzt zu einem Praktischen Teil und möchte Ihnen einen sehr persönlichen Bericht geben: Ich selber bin ja nicht als ein Lehrer erzogen worden, hab keine Lehrerseminare gehabt, hab keine Ahnung, was ein professioneller Lehrer weiß, kann, tut, wenn er jetzt der Schule, den Kindern in der Schule gegenübertritt. Ich bin durch eine Serie von komischen Zufällen plötzlich in die Situation eines Lehrers gekommen. Ich hab damit überhaupt nicht gewusst, wie ich das behandeln soll. Die Geschichte war so:

[Es gibt] einen sehr lieben Freund, einen Professor für Musik, ein Komponist am Set [???] von Illinois und wir gehen jedes Jahr spazieren und suchen nach Talenten von jungen Menschen die wir dann einladen in sein Labor. Er hat das Musiklaboratorium gehabt und ich hab das biologische Computerlaboratorium gehabt. Waren lustige Leute dabei, die da mitspielten.

Und da veranstaltet die Universität jedes Jahr ein großes Fest der Studenten. Und da haben sie Bühnen, Schaubühnen. Da haben sie Tänze und lustige Vorstellungen und so weiter. Und da wandern wir da durch. Plötzlich kommt da ein großer, wunderschöner, blonder Riese auf mich zu mit einem solchen [grimmigen] Gesicht, nimmt mich hier beim Knopfloch und sagt: “Würden Sie einen Kurs in Heuristik unterrichten?”
“Ähm… äh..”, sage ich, “Heuristik in was für einem Sinn? Im Sinn, äh, wie Schüler so dasitzen und ihre Lösungen selber finden, oder in dem Sinne wie die Mathematiker es gebrauchen, Lösungsstrategien für gewisse mathematische Probleme…?”
Schaut der mich an: “Beides!”
Wende ich mich an meinen Freund Herbert Brühn und sag’: “Herbert, würdest du mit mir einen Kurs über Heuristik halten?”
“Endlich einmal ein Kurs, der von den Studenten eingefordert wird und nicht von den Lehrern! Selbstverständlich mach ich mit dir einen Kurs über Heuristik!”
Sage ich dem jungen Mann: “Kommen Sie zu mir den nächsten Morgen und da besprechen wir dann die Formalitäten der Einführung eines solchen Kurses!”

Also dem ist alles heruntergefallen.

Den nächsten Tag war er bei mir im Office: “Über ein Jahr habe ich versucht, in allen Ebenen dieser Universität zu Maschine [???], vom Rektor hinunter von Dekan zu Dekan,… Woimmer ich hingekommen bin haben die mich hinausgeschmissen.”
Ich sag:”Na kommt drauf an, wie man’s präsentiert, nicht?”
Der hatte mich doch beim Knopfloch gepackt, was sollte ich schon sagen?

Also wär der Heuristikkurs [???] eingeführt und wenn ich kurz vorlese, was wir für ein Programm gehabt haben? Das Programm hat sich im wesentlichen darum gehandelt, was eben als “die Problematik des Problems” verstanden wird. Um was handelt es sich, wenn wir ein Problem haben? Unter welchen Bedingungen sagen wir: “Wir haben eine Lösung des Problems?” Oder haben wir eine Lösung des Problems verschwendet? Oder wer ist das Problem in einem Problem? Et cetera, et cetera. Also ich würde sagen, wir haben Heuristik so behandelt, als ob es eine Problematologie wäre, eine Theorie des Problemstellens, -Verstehens, -Interpretierens und -Auflösens. In dem ersten ging’s um – organisiert für 50 junge Menschen, das war im Jahre […] 1968 […] und etwa 50 Studenten kamen und das erste Semester ist wunderbar gegangen, denn ich und mein Freund Herbert Brühn haben außerordentlich interessante Gastprofessoren gehabt!

Ich hatte für eine größere Zeit den Humberto Maturana bei mir als Neuro-Anutoren [???]. Dem Humberto habe ich gesagt: “Jetzt redest du mit den Kindern über: Was sind die Probleme in der Neuroanatomie, in der Neurophysiologie, in der Epistemologie, die sich mit Neurologie beschäftigt?” Nun, das war eine fantastische Rede! Wir haben einmal einen Nobelpreisträger gehabt, den Hayek, den Friedrich Hayek. Hayek hatte über die ungelösten Probleme der Ökonomie gesprochen. Und da haben die Studenten ihn so gezwickt mit ökonomischen Fragen, dass er gesagt hat: “Mir ist es.. Zum ersten Mal habe ich zu schwitzen angefangen, wie mich die Studenten da gezwickt haben!” Na, das war zum Beispiel sehr interessant!

Nun, dieser Kurs war also fabelhaft! Ich habe so viel dabei gelernt! Die Studenten haben gesagt: “Jetzt noch mal! Das nächste Jahr eine Fortsetzung!” Wir haben eine Fortsetzung gemacht. Das nächste Jahr waren das ungefähr 70 Studenten. Und dann ist Herbert Brühn zum Particle [???] gegangen. Von den Studenten haben einige graduiert, sind Doktoren gewesen, sind schon in den Beruf gegangen. Ich war also völlig allein mit dem großen […???] Und trotzdem haben ein paar junge Leute gesagt: “Wir müssen Heuristikkurs im Herbstsemester weitermachen. Wir müssen! Bitte! Heinz, tu doch was!”
Okay, ich hab geschrieben: “Den ersten Tag treffen wir uns und zwar in dem und dem Zimmer in dem und dem Institut.”

Ich versuche in dieses Zimmer zu kommen. Ich konnte nicht in dieses Zimmer hinein! Also, irgendeine Revolution war los! Überall sind Studenten gestanden! Endlich frage ich einen: “Was ist los? Warum stehen Sie da alle herum?”
“Wir wollen uns in den Heuristikkurs einschreiben.”
Da waren es hundertsechzig Studenten, die auf mich gewartet haben, dass ich jetzt allein einen Heuristikkurs machen sollte.

Schnell denken! Also blitzartig denken! Ich habe gesagt: “Also alles kommt in das große Auditorium!” Dann haben wir das Auditorium gefunden. Ich habe 5 Minuten Zeit gehabt. Beim hingehen: Was kann ich mit denen machen?? Wie ich da ankomme, sage ich: “Also passt doch mal auf, meine Damen und Herren. Bin sehr froh, dass ihr da seid, denn in diesem Jahr schreiben wir ein Buch! Und ihr seid die Verfasser, die Verleger und die Produzenten!”

Experiment

“Wer würde gerne die Organisation unserer Buchschreibe übernehmen? Na, wer? Wer? Wer? – Ah, Sie. Kommen Sie rauf, kommen Sie rauf, kommen Sie rauf. – Wer würde dies und das machen?” Innerhalb weniger Sekunden habe ich 10 oder 15 junge Männer und Frauen vor mir gehabt und dann habe ich gesagt: “Okay, jetzt fangt an, die Sache vorzubereiten! Das wichtigste ist, wer ist in dieser Klasse, damit wir wissen, wie wir die vorhandenen Talente benutzen können.”
Da haben die sofort vorgeschlagen: “Wir machen ein Register, wo jeder sagt, wie er heißt, wo er wohnt, welche Telefonnummer er hat, was er kann, was er lernen möchte und was seine Hobbys sind und sein Interesse ist.”

Haben alle brav geschrieben. Dann haben wir einen Katalog gehabt und da sind also verschiedene Interessen, et cetera, et cetera angeführt. Einige von diesen jungen Menschen haben das natürlich in dem Leben gehört, dass sie sagen sollen, wofür sie sich interessieren! Oder nie geglaubt, dass mal jemand fragt, was einen interesiert, damit jemand zuhört. Aber natürlich, kaum haben die das gemacht, haben wir einen Index daraus, eine Heuristik daraus, herausgegeben, so dass Leute mit gleichen Interessen sich finden.

Also ich lese Ihnen mal ein paar vor: Zum Beispiel unter den Bags (Bags ist das, wofür man sich interessiert) da gibt eine junge,.. eine junge Dame schreibt: “My dog and me.” Mein Hund und ich interessieren mich.
Hier der schreibt – David Crosley[???], übrigens einer der führenden Computeringenieure in Amerika […]: “No skills, all left thumbs.” Keine Geschicklichkeit, ich habe nur linke Daumen.
Einer sagte – Was interessiert ihn? – eine Dame: “Clothing, colors, pictures, anything!”
Eine junge Dame hat das natürlich auch nicht sehr ernst gefunden und die schreibt: “Wanted to be laid all times.” Sie wissen, was das bedeutet, ja?

Na, anyway, wir haben das ernst genommen. Ich nehme das Mädchen ernst. Das kam da im Directory vor, ja, bei Susan Soundso: “I want to be laid all times”, ja. Okay. Wunderbar. Jetzt haben wir “Ich will gern das..”, “Ich würd’ gern das..” Leute, die sich das wünschen und Leute, die sich das wünschen. Die ganzen jungen Menschen: “Wir werden ernst genommmen?”
“Natürlich, was denn sonst? Der beste Spaß ist doch, wenn man dich ernst nimmt!”

Okay, also. Die Atmosphäre hat sich völlig verändert. Gruppen haben sich gebildet, gemäß ähnlicher Interessen. Die Studenten, die diese Liste gebaut haben, haben auch einen Index gemacht, so dass man nachschauen konnte: Wer interessiert sich für Fotografie? – Meyer, Müller, Schmitt, usw.
Wer interessiert sich für Schreiben? – Soundso, Soundso, Soundso.
Dieser Katalog hat initiiert, einen Start gegeben, für die Möglichkeit, dass sich Gruppen bilden konnten. Und tatsächlich, innerhalb von einigen Monaten ist dieser große “Whole Earth …” – nein – “Whole University Katalog” da gewesen, wo die Studenten über die Universität reflektiert haben

In dem Artikel – so interessante Sachen – in diesem Buch habe ich alles publiziert, was die gebracht haben. Es wurde gedruckt in der Rotary Press im Nachbardorf. Das hat eine Rotary Press gehabt, sodass ein riesiges Buch für fast nichts mechanisch hergestellt werden konnte. Und die Studenten haben dann, wie das raus gekommen ist, mit einer solchen Neugierde erwartet! Wie wird dieses Buch ausschauen? Faszinierendes Lehrgeld. Sich schon so gefreut, auf einmal kamen die Stöße: 300 oder 400 Whole University Kataloge.
“Das ist alles? So schaut das aus, wenn wir eine solche Sache produzieren? Das ist ja – das hätt’ ich nicht gedacht! Ich glaubte, das wird ein Meisterwerk!”
Das war kein Meisterwerk. Natürlich war es kein Meisterwerk – es war ein Lernmittel! Die haben gesehen: Wie schaut etwas aus, wenn ich das in meiner Privatwelt tue? Wie schaut es aus, wenn es in die Öffentlichkeit kommt?

Ich möchte noch dazu sagen, dass zum Beispiel, in den vorherigen Kursen haben wir das Problem der Notengebung versucht zu behandeln. Und da habe ich die folgende Studie gemacht: Sowohl der Herbert Bröhn war zu beschäftigt, da 50-60 Arbeiten durchzulesen, [als auch] ich war absolut überbeschäftigt und konnte das nicht machen. Da haben wir folgendes gemacht: Jeder Aufsatz, der geschrieben werden wird, darf nicht länger wie 2 Seiten sein! Dann haben wir die 2 Seiten von Schüler X, Y, Z,… genommen, haben sie reproduziert, sodass wir ein kleines Büchlein machen konnten, wo jeder Student seinen Beitrag in diesem Büchlein drinnen gehabt hat. Diese Bücher haben wir den Studenten alle wieder zurück gegeben und haben sie gebeten, alle Arbeiten, die in diesem kleinen Büchlein waren, zu beurteilen, eine Note dazu zu schreiben.

Jetzt haben die Studenten sich selbst beurteilt! Und das schöne, das wir dann bei dem Studium gefunden haben, ist, dass zum Beispiel die 50 Studenten – viele Studenten – das Paper 22 beurteilen mussten – inklusive 22, ja – haben fast die selbe Note gegeben. Also wir haben die Variation ausgerechnet, die Note hat, die auf eine bestimmte Arbeit geht. Und das geht wirklich geht so .. whip .. und so hinunter. Also das Gefühl, welche Qualität das Papier hat, wird von allen geteilt. Schon für uns war das sehr interessant! Der Student, der selber das Papier geschrieben hat, war meistens der Mann, der am kritischsten seine Arbeit beurteilt hat. Das war also für uns unglaublich wichtig, eine solche Sache zu sehen. Wenn der Student eingeladen wird, sich oder andere zu beurteilen, so sind die Beurteilungen erstaunlich konsistent.

Okay, also der Whole University Katalog ist herausgekommen und da waren also ganz interesante Komponenten drinnen. Zum Beispiel, ein Student hatte einen Artikel geschrieben, wie man Marihuana wächst im Garten, die Blätter abschneidet, röstet und Marihuana-Zigaretten baut. Das kam in einen Katalog, der hieß Whole University Katalog und der erste, dem ich das gab, das war: Ich hab dem Rektor der Universität das gegeben. Damit er weiß, was in seiner Schule vorgeht. “Die Schule neu erfinden!” Denn er muss ja auch wissen, was los ist, nicht?

Dem ist natürlich alles blass und grün geworden. Und da – wirklich – nach zwei Wochen hat die Legislatur vom Staat von Illinois mich [???] vorgeladen, ich solle Rechtfertigung über meine Papiere, über meine Arbeiten geben. Und ich bin natürlich mit Vergnügen hingegangen, denn ich kann ihnen ja.. – Viele kennen ja sicher Ringelnatz.

Erinnern Sie sich an den amüsanten Schreiber Ringelnatz? Der hat ein Buch geschrieben, das hieß “das Kinder-Verwirr-Buch”. Und im Kinder-Verwirr-Buch sind sehr viele lustige Kinder-Verwirr-Stories geschrieben worden. Eine zum Beispiel: “Die Kunst, im Wasser Bläschen zu machen”. Ein anderer Artikel war, wie man Teile aus einem Blatt Papier ausschneiden kann, und wenn man die richtigen Teile 1-zu-1, 2-zu-2, 3-zu-3, 4-zu-4, … zusammen klebt, kriegt man eine wunderschöne Windmühle, die sich sogar im Wind dreht!

Und wenn Sie das näher anschauen, gibt’s keine 1 zweimal. Es gibt keine 2 zweimal. Man kann nichts mit einander zusammen kleben! Und wenn man sie zusammenkleben könnte, dann würde es keine Windmühle ergeben. – Also dieser junge Mann hat diese Marihuana-Zigaretten-Fabrik so geschrieben, wie Ringelnatz sein Kinder-Verwirr-Buch geschrieben hat, sodass, wenn Sie den Vorschriften gefolgt wären, dann hätten Sie nicht eine Marihuana-Zigarette haben können! Aber natürlich, die Legislatoren vom Vereinsstaat von Illinois wussten weder, wie man einen Marihuana herrichtet, noch was man damit machen würde! Und haben gesagt: “Der Foerster unterrichtet die Studenten, wie man Marihuana-Zigaretten herstellt!”

Nun bin ich mit größten Vergnügen da hin gegangen, hab mir gesagt: “Na werden wir sehen, wie lange die ein ernstes Gesicht machen können, bevor sie zu lachen anfangen müssen!” Na, anyway, ich bin nicht aus der Universität hinausgeschmissen worden, obwohl es ziemlich an der Grenze war. Das sind die Gefahren, wenn Sie eine Schule neu erfinden wollen, ja?

Okay. Die Tradition meiner Gruppe, Publikationen innerhalb der Klasse zu machen, hat sich irgendwie als fabelhaft bewehrt und ich habe mehrere Sachen publiziert und ich wurde schließlich und endlich stimuliert von einer sehr lieben Kollegin und Freundin von mir, der Margaret Mead. Die hat gesagt: “Heinz, du müsstest der Mensch sein, der ein Buch über Kybernetik schreibt!” – Und ich schreibe keine Bücher, leider, aber wie ich eine Klasse gehabt hab, die ungefähr aus 60 jungen Menschen bestand, hab ich gesagt: “Passt mal auf! Wir wollen jetzt DAS wesentliche Buch über Kybernetik schreiben! Und wir wollen die Klasse so laufen lassen, dass sie kybernetisch betrieben wird!”

Da haben wir dieses Buch “Kybernetik der Kybernetik” oder “Cybernetics of Cybernetics” genannt. Dieses Buch ist im Jahre 1972 herausgekommen, 500 Seiten, mit den wesentlichen Bibliographien der großen Kybernetiker: Norbert Wiener, Warren McCullock, von Neuman, et cetera, et cetera. Mit Formen, Tabellen, Ausdrücken, die sie in keinem Textbuch, in keinem Lehrbuch finden, die Sie nur mühsamst aus Universitätsbibliotheken herausfischen können. Alles in dem Buch “Kybernetik der Kybernetik”, von Studenten und Technikstudenten gemacht, und die meisten waren Fresh-men, also junge Burschen, junge Mädl, die gerade von der Mittelschule in die Universität gekommen sind.

Dieses Buch lag / es war – wir haben nur 200 Exemplare drucken können – ich hab nur das Extrapapier bei mir liegenlassen gehabt, das haben wir gar nicht gebraucht. Das ist also da 20 Jahre da herumgelegen bis vor etwa einem Jahr. Da war ich bei einer Konferenz, mit einem jungen Mann gesessen am Tisch, da hab ich gefragt: “Was machen Sie?”
Da hat er gesagt: “Sie werden’s nicht glauben, ich publiziere unpublishable Books!”
“Was!?”, sag’ ich.
“We publish unpublishable books!”
“Ja.. äh.. Von was leben Sie?”
“Davon!”
“Hmm! Interessant! – Übrigens, wenn Sie wirklich, ein unpublishable Book publizieren wollen, dann kommen Sie zu mir! Ich kann Ihnen eins zeigen.”
Seine Ohren wurden nun spitz und wir kommen bei mir vorbei – war nicht weit, wo wir gewohnt haben. – Kommen, gebe ich ihm dieses Buch, 500 Seiten, “Cybernetics of Cybernetics”.
“Das! Muss ich haben! Also, das! Muss ich haben!”
Ich sage: “Nuja, ich kann Ihnen das leider nicht geben! Das ist das einzige Exemplar.”
“Neinein! Das müssen.. Das müssen wir wieder publizieren!”
“Na also gut”, ich hab ihm geglaubt. Ich hab ihm mein einziges Exemplar gegeben. Es ist verschwunden.

Ein halbes Jahr später ist gekommen: “Das Buch ist fertig! Wo können wir es aufhängen [???]?” Da war zufällig die Amerikanische Gesellschaft für Kybernetik, hat ihre Tagung gehabt. Da sind wir gekommen mit 500 Exemplaren und die sind an dem selben Tag verschwunden! Ich dachte, als ein educational Experiment, also ein pädagogisches Experiment, wenn ich ihnen diese paar Sachen, die davon publiziert worden sind, mitbringe, zum anschauen – das “Cybernetics of Cybernetics” gab es sogar zum Kaufen! Lass’ ich es draußen liegen, und sie können sich das anschauen und sich selbst davon überzeugen, was ihnen an einem solchen Projekt gefällt.

Die jungen Menschen, die aus diesem Kurs “Cybernetics of Cybernetics” heraus gekommen sind, wann immer die mich treffen, sagen sie: “Dieses Jahr war das größte Erlebnis in meinem Leben, denn plötzlich bin ich drauf gekommen, dass ich selber was machen kann, dass ich selber etwas kreieren kann, dass ich selber etwas neues auf den Tisch stellen kann, wo ich nicht etwas wiederkäuen muss, das ich nicht verstanden hab – und auch der Lehrer nicht verstanden hat!”

Wollte Ihnen also nur kurz diesen Bericht geben, denn ich dachte, meine Verantwortung ist so, dass ich Sie wissen lassen muss, was als ein erfolgreiches Experiment gemacht worden ist.

Ich möchte zum Abschluss eine kleine Methapher für das, was ich gerade erzählt habe, machen. Und zwar gab es diesen großen chinesischen Taoisten, ZhuangZi. Und dieser ZhuangZi ist sehr gerne gereist. Und bei einer Gelegenheit kam er in ein einsames Tal, in eine wunderschöne Herberge. Dort übernachtete er und blieb einige Tage dort. Es hatte ihm so gut gefallen und hatte von anderen Gästen gehört: “Der Wirt hat zwei Beischläferinnen. Die eine ist schön und die andere ist hässlich, aber er liebt die hässliche und nicht die schöne.” Sehr interessant. Er trifft einmal den Wirt und sagt: “Ja, ich habe gehört, Sie haben zwei Beischläferinnen, eine ist schön, die andere ist hässlich, aber Sie lieben die hässliche und nicht die schöne. Wie kommt das?”
“Och!”, sagt der Wirt, “Ganz einfach! Die Schöne weiß von ihrer Schönheit und man sieht ihre Schönheit nicht. Die Hässliche weiß von ihrer Hässlichkeit und man sieht ihre Hässlichkeit nicht.”

Sie können das vielleicht übertragen auf Wissend und Unwissend. Danke vielmals für Ihre Aufmerksamkeit!

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